13. September 2021

Nachhaltigkeit und Kunst

„Nur Kunst kann das Leben verändern.“ – so sagte Joseph Beuys.

Nur eine nachhaltige Entwicklung kann Wirtschaften verändern. – Das glauben wir.

Und wir wissen, dass Kunst der älteste Motor für Veränderung, Quelle für Inspiration und Visionen, Echo und Spiegel in der Reflektion und Raum für Emotionen ist.

Was also kann entstehen, wenn Kunst Raum findet und in die Transformation hin zu Nachhaltigkeit einbezogen wird?

Kunst wandelt

Der Triple-Bottom-Line Ansatz wird als Leitbild nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung verstanden. Er ergänzt entsprechend der drei Nachhaltigkeitsdimensionen die unternehmerische Verantwortung um soziale und ökologische Aspekte.

Nachhaltigkeit darf dabei von Spezialisten verschiedener Disziplinen zunächst in unterschiedlichen Denkmustern verstanden werden. So werden Ingenieure vielleicht über technologische Lösungen spezifischer Herausforderungen nachdenken, während Betriebswirtschaftler sich auf ökonomische Systeme fokussieren und Politiker sozial-vertretbare Nachhaltigkeitskonzepte entwickeln.
Entscheidend ist die Synergie aller Aspekte. Nachhaltigkeit als Ganzes ist nur durch Zusammenwirken denkbar, dies ergibt sich bereits aus der Logik der Nachhaltigkeitsidee.

Und so hat auch die Kunst ihren Platz: Unsere Vernunft, Sprache, Zahlen, rationales Denken sind im Neokortex angesiedelt. Um Transformation zu ermöglichen braucht es jedoch mehr. Notwendig ist ein Wandel im Denken, Fühlen und Handeln der gesamten Menschheit. Ohne Musik, Poesie und Malerei, ohne Zugang zum Herzen wird dies nicht gelingen. Wir müssen Menschen im Stammhirn erreichen. Nur so werden wir sie bewegen. Nachhaltigkeit darf nicht nur gedacht werden, sie muss gefühlt werden und fühlbar gemacht werden. Dies können Kunst und Kultur.

Kunst wirkt

Bei Transformationsprozessen geht es insbesondere darum, eine durch Berührung verursachte Bewegung bei Menschen auszulösen. Transformationen sind menschengedacht und menschengemacht. Damit eine Bewegung entstehen kann, muss sich jede*r Einzelne bewegen.

Die Kunst als solche ist hierbei nicht nur ein „Bewusstmacher“. Kunstwerke darstellender, bildender, musikalischer und literarischer Gattung können durch künstlerischen Transfer Bewusstsein (awareness) schaffen für Themen, die unmittelbaren Handlungsbedarf erfordern. Dabei können kathartische Elemente zu Reflektion und Handlung aufrufen, aber auch komplexe Zusammenhänge anschaulich dargestellt werden.

Verschiedene Prinzipien künstlerischer Auseinandersetzung haben darüber hinaus Relevanz für Transformation und Transformatoren.

Innovation – Kunst als Erneuerer: Kunst lebt von Erneuerung und Wandel, Kreativität und Freiheit. Dies sind Faktoren, die auch in Transformationsprozessen von Organisationen und der gesamten Gesellschaft von Bedeutung sind. Es bedarf der Fähigkeit, Neues mit neuen Methoden zu denken und nicht die alten Formen für neue Inhalte einzusetzen.

Perspektive – Kunst als Spiegel und Echo: Kunst kann, darf und muss sich als Spiegel gesellschaftlicher Dispositionen verstehen und als solcher verstanden werden. Perspektivwechsel können dies beispielsweise leisten. Das Ziel ist das Aufbrechen bestehender Strukturen und Muster und die Möglichkeit der Neukonstruktion nach Disruption.

Spiel – Kunst als Freiraum: Die lustvolle, spielerische Auseinandersetzung mit Themen schafft nachhaltigere Ergebnisse. Das Spiel öffnet Türen und ermutigt zu großer Freiheit im Denken und Tun. Transformation muss Freude machen. Transformation hin zu Nachhaltigkeit ist kein Spielverderber, sondern macht ein komplett neues Spiel mit eigenen Regeln und Herausforderungen, mit eigener Dynamik und eigenem Spielziel auf.

Mut – Kunst schafft sichere Räume: Die Beschäftigung mit Transformation mit Hilfe künstlerischer Herangehensweisen kann Mitspieler ermutigen, freier zu denken und mutig den eigenen Tellerrand zu erweitern.

Kreativität – Kunst fordert und ernährt sich von Kreativität: Kreatives Denken birgt die Möglichkeit, neu und originär zu denken. Dabei gilt es, sich von Mustern und bestehenden Denkstrukturen zu befreien und sich zu erlauben, gedanklich neue Wege zu gehen.

Sprache – Kunst wird gehört und macht wertvolle Sprache notwendig: Wording, also der vorherrschende Sprachgebrauch, ist in vielen Organisationen geprägt von Branche und Produkt. Literatur und darstellende Kunst sind die Hüter der wertvollen Sprache und können hier beispielhaft gestaltend wirken.

Lust und Sinnlichkeit – Kunst ist mit allen Sinnen wahrnehmbar.

Kunst wirkt.

Theater als Transformationsbeispiel

Das Theater dient seit seinen Ursprüngen, den in Höhlenmalereien festgehaltenen Verkleidungsspielen zur Vor- und Nachbereitung der Jagd in der Steinzeit, nicht nur der Unterhaltung und Inspiration,
Theater hat einen darüber hinaus gehenden Auftrag: Bildung, Warnung, Reflektion, Vermittlung von Werten und Gesetzen, Transport von Nachrichten, Motivation zu bestimmten Handlungen.

Im Griechenland der Antike wurde das Theater als Führungsinstrument der Politik eingesetzt. Zuschauern wurde beispielsweise Verdienstausfall für den Besuch der Aufführungen bezahlt.

Wie aber gelingt die Wirkung von Theater? Warum bewegt ein Mensch mit den Worten „I have a dream!“ die ganze Welt zu Umdenken und Veränderung?

Im Theater findet immer eine Interaktion statt, eine Wechselwirkung zwischen Schauspieler*innen und Zuschauer*innen.
Durch Spiegelneuronen erleben die Zuschauer*innen das Geschehen auf der Bühne körperlich mit. Ihre Atmung passt sich an, Anspannungs- und Entspannungszustände werden mitempfunden. Dies bewirkt eine große Identifikation mit den dargestellten Inhalten.
Die Abstraktion von Geschehnissen und Inhalten, die sich laut Aristoteles nicht aus der Vernunft, sondern aus der Summe des sinnlich Erlebten und der sinnlichen Erfahrungen ableitet, ermöglicht eine originäre Sichtweise auf Informationen und Zusammenhänge und regt zum selbstständigen Denken an.

Emotionen bewirken Veränderung. Zuschauer*innen fühlen mit den Figuren auf der Bühne. Sie werden zum Lachen, zum Weinen, zum Nachdenken animiert. Inhalte, Missstände und daraus resultierende notwendige Handlungsweisen entstehen aus dem Erlebten in den Zuschauer*innen selbst. Die Zuschauer*innen treffen berührt eigene Entscheidungen.
Das kollektive Erleben im Zuschauerraum generiert einen klaren Konsens oder einen leidenschaftlichen Dissens zwischen den Zuschauer*innen. Auch hier findet eine Interaktion statt.

Es entsteht so ein gemeinsamer Sog der Beteiligung, die eine Passivität nahezu unmöglich macht.
Emotionale Ereignisse und Geschichten verankern sich in unserem Gehirn viel einfacher und selbstverständlicher als reine Sachinformationen.
Um Menschen zu bewegen, müssen sie berührt werden. Emotionen und Berührung kommen im Wirksamkeitskanon bei Führungskräften bisher selten vor. Sie sind für Transformationsvorgänge aber von großer Bedeutung.

Nachhaltigkeit in Kunst- und Kulturbetrieben

Kunst selbst kann Transformation und somit Nachhaltigkeit bewirken.

Aber wie sieht es dort aus, wo institutionalisiert Kunst gemacht wird? In Kunst- und Kulturbetrieben wie Theatern, Museen oder Konzerthallen?

Schaut man sich die Vorgehensweise von Theaterschaffen an, finden sich interessante Ansätze. So ist zum Beispiel ein iteratives Vorgehen im Probenprozess gängige Praxis. Schnelle Sprints in Form von sechswöchiger Probenzeit, interdisziplinäre Teams, Scheitern als Prinzip und die Einbindung von Stakeholdern sind oft eine Selbstverständlichkeit.
Viele agile Arbeitsprinzipien wurden in Theatern schon gelebt, bevor Agiles Arbeiten und Scrum in wirtschaftlichen Kontexten relevant wurden.
Insofern finden sich weite Felder gegenseitiger Lernmöglichkeiten.

Dennoch stellt sich die Situation in vielen Kunst- und Kultureinrichtungen insgesamt nicht anders dar als in nicht kunstbezogenen Organisationen und Unternehmen. Oft existieren durchaus relevantes Wissen und gute Ideen zum Thema Nachhaltigkeit sowie Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Nachhaltigkeitsstrategie. Es fehlt jedoch meist an konkreten Ansätzen und Konzepten zur Entwicklung und Umsetzung.

Dabei bestehen mannigfache Notwendigkeiten, nachhaltiges Handeln zu implementieren.

Theater beispielsweise gründen auf Kurzlebigkeit, Abwechslung und Erneuerung. So werden Bühnen- und Kostümbilder mit viel Ressourcenaufwand für jedes Stück neu konzipiert, geplant und gebaut. Nach nur wenigen Vorstellungen werden diese entsorgt, oft nur in Teilen recycelt. Bei der Planung der Bühnenausstattung gibt es außer Budget- und Sicherheitseinschränkungen im Prinzip keine Vorgaben im Hinblick auf Materialität, Wiederverwendbarkeit und Umweltschonung. Dies entspricht in keiner Weise den Vorgaben ökonomischen und ökologischen Handelns.

Auch der Umgang mit menschlichen Ressourcen ist am Theater oft nicht „nachhaltig“. Arbeitszeitregelungen und nachhaltige Mitarbeiterkonzepte finden sich nicht immer. Dies ist beispielsweise bedingt durch häufige Leitungswechsel, die mit dem Austausch von Teilen des künstlerischen Personals einhergehen können. Der Aufbau einer nachhaltigen Existenz mit Planungssicherheit für Theaterschaffende wird so erschwert.
Kulturbetriebe argumentieren häufig mit der Freiheit der Kunst. Wenn Nachhaltigkeit ernst genommen werden soll, dann findet diese Freiheit analog zu Prinzipien anderer Organisationen oder Unternehmen, ihre Grenzen dort, wo sie destruktiv wirkt.

Kunst- und Kultureinrichtungen sehen sich also insgesamt mit Herausforderungen konfrontiert, die denen anderen Organisationen, Institutionen und Unternehmen ähneln.

Um sich dem Ziel Nachhaltigkeit zu nähern, ist eine schrittweise Vorgehensweise zu empfehlen. Auf die spezifischen Bedürfnisse zugeschnittene Workshops mit allen Stakeholdern zu Themen Nachhaltigkeitsbegriff und Nachhaltigkeitsverständnis, ein Status Quo – Nachhaltigkeitscheck, die Entwicklung einer Vision (nachhaltiger Kulturbetrieb), die Definition von möglichen Handlungsfeldern und Ziele sowie die Festlegung eines Core-Team, sind wichtige erste Schritte.
Anschließend können Schulungen des Core-Teams in Nachhaltigkeitsthemen, die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie und einer Transformationsstory sowie eines Kommunikationskonzeptes folgen.

Organisationskultur und Management von Transformation

In Prozessen der Transformation und des Wandels ist die Veränderung der Organisationskultur oft notwendige Voraussetzung.

Der Begriff Organisationskultur wird unterschiedlich verwendet und divers beschrieben. Wir verstehen Organisationskultur als ein gelebtes Konglomerat der Werte, Normen, der verwendeten Sprache, der adaptierten Spielregeln, der Umgangsformen, der Motivation, des Kommunikationsverständnisses und der Definition der Fehlerkultur eines jeden einzelnen Organisationsmitgliedes.

Eine kulturelle Veränderung kann somit nicht bestimmt werden, sondern muss bei jedem einzelnen Organisationsmitglied motiviert und implementiert werden. Dies ist Aufgabe und Herausforderung für Multiplikatoren wie Führungskräfte und hierarchieunabhängige Leitfiguren in Organisationen.

Um den Begriff Kultur adäquat zu verwenden, muss eine Kultivierung, eine Urbarmachung stattfinden. Findet diese nicht statt, sprechen wir von der Natur einer Organisation, also den ihr innewohnenden ursprünglichen Eigenschaften. Kultivierung von Organisationen kann auf vielfältige Wiese geschehen. Eine Markenpositionierung zur Definition des Markenkerns kann eine Kultivierung sein, aber auch beispielsweise Personalentwicklungsmaßnahmen zu den sogenannten Soft-Skills oder die Entwicklung einer neuen Nachhaltigkeitsstrategie.

Wie aber gelingt die Transformation, wie wird die jeweilige Organisationsnatur kultiviert?
Ein Transformator in der Elektrotechnik wandelt große Spannungen in nutzbare kleinere Spannungen um. Transformation ist Wandel und Verwandlung. Verwandlung ist jedoch in Unternehmen ohne Beteiligung des Menschen mit Hirn und Herz unmöglich. Ängste und Ablehnung, Misstrauen und Destruktivität werden den Verwandlungsprozess be- und verhindern, wenn Menschen nicht mitgenommen werden.
Dies ist neben Fachwissen eine der zentralen Aufgaben von Managern der Verwandlung. Die ursprüngliche Verwendung des Wortes Manager kommt aus dem Theater des 19. Jahrhunderts, wo der Manager der Regisseur oder Leiter einer Bühne war. Das Wort stammt aus dem lateinischen manus – Hand. Es geht also beim Managen um Handlung, um Berührung und Bewegung. Es geht um die Kunst, Verwandlung zu begleiten und die beteiligten Menschen bei der Hand zu nehmen.

Es geht um das kunstvolle Managen der Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Home oeconomicus und homo aestheticus

Kunstinstitutionen stehen vor der Herausforderung, nachhaltige Transformation umzusetzen. Künstlerische Prozesse und Herangehensweisen an sich – also Kunst im eigentlichen Sinne – können für den Transformationsprozess, insbesondere auch außerhalb dieser Institutionen, von Nutzen sein. Als wertvoller Aspekt kann und muss Kunst in den Triple-Bottom-Ansatz eingebunden werden.
Aber wie genau kann das gehen?

Der „homo oeconomicus“ entscheidet und handelt ausschließlich vernünftig und zwar so, dass er selbst den größtmöglichen wirtschaftlichen Nutzen hat. Menschen treffen aber nicht nur rational-ökonomische Entscheidungen, sondern handeln häufig irrational, emotional und impulsiv. Diese Aspekte spiegeln den Charakter des „homo aestheticus“ in uns.

Ästhetik im weiteren Sinne ist nicht nur die Lehre von der Schönheit und Harmonie in der Wahrnehmung von Kunst und Natur, sondern vielmehr auf die wörtliche Übersetzung aus dem Altgriechischen (aesthesis: sinnliche Wahrnehmung) gegründete Theorie der sinnlichen Erkenntnis.
Leidenschaft, Triebe, Begierden und Lust sind Quellen der Sinnlichkeit.

Der homo aestheticus und der homo oeconomicus stellen jedoch keine Gegensätze dar. Wir müssen beide bedienen, damit wir zur nachhaltigen Transformation motivieren und bewegen.

Es wird künftig um die bewusste Auseinandersetzung mit der Verbindung von Emotio und Ratio, Kunst und Wirtschaft, Mensch und Maschine, Berührung und Technik gehen. Auch hier darf es kein trade-off-Denken geben.

Und zwar im Dreischritt „Fühlen – Denken – Tun“, für eine wirksame, kunstvolle Unternehmenstransformation.

Wenn wir Beuys so verstehen, dass es stets eine emotionale Annäherung braucht, um Veränderung, um Transformation, zu schaffen, dann hatte er wohl mit seinem Zitat nicht ganz Unrecht.
Transformation lebt also immer auch von Emotionen, Berührung, Visionen.
Und vom Tun.